Wird am Waldrand irgendwann ein Kässeli stehen?

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Bild: Imago

Schweiss tropft dem Mann von der Stirn auf den Lenker. Das Mountainbike hat er schon zur Abfahrt gewendet. Er sagt, er mache die Tour auf den Zürcher Üetliberg mehrmals pro Woche. Bevor er im feucht-kühlen Nebel zu frieren beginnt, will ich von ihm wissen: Sind die Tage, an denen er morgens im Wald war, bessere Tage? «Jedenfalls starte ich mit einem bessern Gefühl», sagt er und erwähnt die Rehe, die er manchmal sehe, und den Sonnenaufgang.

Andere Waldgänger an diesem Morgen sprechen von der guten Luft, dass man mit dem eigenen Rhythmus in den Tag starten könne und nicht reingeschubst werde. Eine Seniorin findet, sie habe hier gute Einfälle. Zwei junge Frauen schwärmen: «Es holt dich mega obenabe, du summst so raus danach.» Und der Konflikt mit Frau X werde hier zu Pipifax, alles relativiert. Und schön still.

Dabei surrt grad jetzt eine Drohne zwischen den Baumkronen aus dem Nebel hinaus. Sie gehört zwei Jugendlichen. Je später es wird, desto dichter wird der Waldgängerverkehr. Zürichs Hausberg ist wohl der am stärksten frequentierte Wald der Schweiz. Walker, Jogger, Hündeler, Biker, Waldspielgruppen – still ist es am Üetliberg tagsüber nie. Zuoberst ist es am extremsten: Aussichtsturm, Ausflugsrestaurant, Souvenirmünzen-Maschine. An schönen Wochenenden spuckt die Üetlibergbahn Wagen voller Städter aus.

Das Publikum wird mancherorts so zahlreich, dass der Zürcher Umweltpsychologe Eike von Lindern sagt: «Die Wälder müssen gemanagt werden, damit Nutzer mit ähnlichem Interesse kanalisiert werden.» Am Üetliberg gelinge das mit den eingerichteten Bike-Trails recht gut. Und doch sind an diesem Morgen die Waldbesucher alle verdammt gut drauf. Sie geben fröhlich Auskunft. Eine sagt selbst: «Hinterher bin ich immer gut gelaunt.»

Wald besänftigt unser Gehirn
Die gute Laune ist wissenschaftlich belegt. Am liebsten forschen die Japaner darüber. «Waldbaden» nennen sie das. Yoshifumi Miyazaki von der Universität Chiba fand heraus, dass ein viertelstündiger Waldspaziergang die Ausschüttung des Stress-Hormons Cortisol um 16 Prozent reduziere, den Blutdruck um 2 Prozent und den Puls um 4 Prozent. Der frontale Stirnlappen des Gehirns beruhigt sich messbar. Spazieren wir dagegen eine Viertelstunde durch die Stadt, passiert das nicht.

Obwohl viele angeben, wegen der Ruhe in den Wald zu gehen, kann die Ruhe nicht der Hauptgrund für den Beruhigungseffekt sein. Wer nämlich eine leere Strasse mit kahlen Häuserfassaden entlanggeht, ist gestresster, als wenn der Weg an belebten Strassencafés vorbeiführt.

Warum der Wald beruhigt, wissen die Forscher nicht mit Sicherheit. Gemäss der Theorie von Gesundheitswissenschafter Roger Ulrich aus den 80er-Jahren könnte das so sein, weil sich der Mensch im Wald entwickelt hat und unsere Sinne es gewohnt sind, Eindrücke von Pflanzen oder Flüssen zu verarbeiten – nicht Verkehr und Hochhäuser. Ulrich fand heraus, dass Patienten nach einer Operation weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie vor dem Fenster Bäume statt nur eine Hausmauer sehen.

Eine andere Theorie über Aufmerksamkeit und Erholung (Kaplan & Kaplan, 1989) besagt, dass für Erholung Abwechslung wichtig ist: Förster entspannen sich im Wald zum Beispiel nicht gleich gut wie Bü- rolisten, die im Wald nichts an die Arbeit erinnert. «Erholung bedeutet, dass sich unser Gehirn vom Arbeitsalltag erholen kann», sagt dazu Nicole Bauer, Sozialwissenschafterin bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL.

Und dann ist da noch die Luft. Schadstoffarm, staubarm, reich an Sauerstoff und gut angefeuchtet. Sie ist so angenehm wie in den Bergen oder am Meer. Und wir mögen das Parfüm aus feuchtem Boden und Tannnadeln. Aber es ist wiederum vermutlich nicht einfach die gute Luft.

Die Japaner haben eine andere Vermutung: Die Bäume senden Phytonzide aus, Abwehrstoffe, welche Pflanzen bilden, wenn sie von Insekten angefressen werden oder von Pilzen, Bakterien oder Viren befallen sind. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio hat festgestellt, dass bei Waldgängern die Zahl der Killerzellen vom Immunsystem deutlich erhöht wird. Zellen, die zum Beispiel gegen Krebs wirken. Möglicherweise aktivieren die Abwehrstoffe der Bäume auch das menschliche Immunsystem. Oder es ist der Mikroben-Mix des Waldes, der uns stärkt.

Bund denkt an den neuen Nutzen
Wald, erquicke uns. Denn reich im finanziellen Sinn macht er uns mit seinem Holz nicht mehr. Der Wald bekommt neuen Wert. Das Reh, welches dem Biker begegnet. Der Buntspecht, der Waldgänger entzückt. Die Ästhetik eines Herbstwaldes.

Rolf Manser, Chef der Abteilung Wald beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), sagt dazu: «Zukunftsgerichtete Waldeigentümer sollten sich überlegen, welche Leistungen ihr Wald anbieten kann und soll und wer dafür bereit wäre, einen Preis zu zahlen.» Vom Bund und den Kantonen erhalten Waldeigentümer heute schon Geld, wenn ihr Wald vor Naturgefahren schützt oder zur Biodiversität beiträgt. «Für übrige Leistungen sind direkte Vereinbarungen mit Nutzniessern denkbar», sagt der Abteilungschef Wald. Der Bund sei daran, dazu Grundlagen zu erarbeiten. Konkret stellt der Bund künftig Beispiele für Vereinbarungen zwischen Waldbesitzern und -nutzern zur Verfügung. Diese können durchaus finanzieller Art sein.

Der Wald als Erholungsraum könnte Geld einbringen. Aber am Waldrand wird nie ein Kässeli stehen, das würde dem schweizweit geltenden freien Betretungsrecht des Waldes widersprechen. Statt einzelner Nutzer, werden die Gemeinden angegangen. Im Kanton Solothurn zahlen die Gemeinden für jeden Einwohner schon heute fünf Franken an die Waldbesitzer. Im Aargau wurde diesen Frühling eine Initiative eingereicht, die verlangt, dass der Kantonsbeitrag von jährlich 5 auf 16 Millionen Franken erhöht wird. Der Wald wird künftig an Wichtigkeit gewinnen. Auch als Speicherfläche von CO2 und Lieferant von sauberem Trinkwasser. Und, wie Manser sagt: «Im dicht besiedelten Mittelland ist der Wald bereits heute vielerorts der letzte Rückzugsort für Tiere und Pflanzen und der einzige Ort für Ruhe und Erholung. Diese Bedeutung wird angesichts des prognostizierten Bevölkerungswachstums weiter zunehmen.» 

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Bild: Keystone
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