Kommerz im Klassenzimmer - zweifelhaftes «Bildungs-Sponsoring»

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Laptops für alle, Logos inklusive: Lehrer fordern Regeln für Bildungs-Sponsoring. Imago

Es kommt nicht oft vor, dass im Ausland an den Grundzügen der Schweizer Bildungspolitik geschraubt wird. Das passiert nur, wenn der Handlungsdruck gross ist – so wie kürzlich in Hamburg. Dort versammelten sich die Lehrerverbände der Schweiz, Österreich und Deutschland zu einem Spitzentreffen, um ein länderübergreifendes Manifest zu verfassen: die Hamburger Erklärung. Darin warnen die Lehrer aller drei Länder vor Sponsoring an Schulen.

Schon länger drängen Firmen und Verbände in die Klassenzimmer. Ein Trend, der anziehen wird, denn mit den zuletzt verkündeten Sparmassnahmen geraten die Schulen unter Druck. Bund und Kantone investieren künftig weniger in die Bildung. Gleichzeitig steigen die Schülerzahlen erstmals seit Jahren wieder an. In der angespannten Lage klingen Angebote von Firmen verlockend, Lehrmaterial, Apps oder Tablets kostengünstig zur Verfügung zu stellen. Doch dem Lockruf folgen dürften die Schulen nicht. Das sei der falsche Weg, warnen die Lehrer. Vielmehr müssten Bund und Kantone jetzt handeln: «Die Politik darf nicht sukzessive Sponsoring an Schulen erlauben, um sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen», heisst es in der Hamburger Erklärung.

Beat Zemp, der oberste Lehrer der Schweiz und Mitverfasser des Manifests, kritisiert die Zunahme von Logos, Product Placement und anderen Einflüssen in den Klassenzimmern. «Dagegen müssen wir uns wehren.» Der zentrale Punkt der Hamburger Erklärung lautet deshalb: «Es braucht einheitliche, verbindliche Regeln für das Sponsoring an Schulen.» Die Lehrer fordern von den Kantonen klare Strukturen, ansonsten würden sich die Risiken auf allen Stufen erhöhen.

Nestlé, Würstli und Atomkraft
Die Auswüchse des Sponsorings in den Klassenzimmern offenbarten sich zuletzt deutlich: So will Swissnuclear, dass alle Schüler lernen, Atomstrom sei zweifellos die sicherste und sauberste Energie. Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé erteilt Geschichtslektionen über Schokolade. Der Fleischfachverband hofft, dass Kindergärtler mit «Würstli-Memory» ihr Gedächtnis trainieren. Und Victorinox sähe es am liebsten, wenn Mittelschüler im Werkunterricht lernen würden zu schnitzen – natürlich am liebsten mit Victorinox-Sackmessern.

Dass Firmen ihre Produkte gerne an Schulen verteilen, kommt nicht überraschend. «Das sind eindeutige Beeinflussungsversuche», sagt Wirtschaftspsychologe Christian Fichter. Die Unternehmen möchten ihre Marken schon früh in den Köpfen der Schüler verankern. Die Erfolgschancen dafür stehen gut: «Kinder sind noch nicht in der Lage, Werbung rational zu verarbeiten und dadurch leichter beeinflussbar.» Deshalb spricht sich auch Fichter für klare Regeln aus. «Die sind dringend notwendig.»

Denn ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Mit der Digitalisierung dürfte das Sponsoring weiter zunehmen. Tablets werden in den Klassen unumgänglich. Apple führt seit Jahren einen Werbefeldzug in Schweizer Schulzimmern. Das Unternehmen stellt iPads und Lernapps zur Verfügung. Zudem belohnt es Lehrer, die mit Apple-Produkten unterrichten mit Rabatten Reisen und Seminaren.

Auch auf dem Schulweg lässt sich Werbung machen: So hat Interdiscount zu Beginn diesen Sommer 25 000 Leuchtwesten für Kindergärtler produziert – samt riesigem Logo auf dem Rücken. «Wir haben einfach unsere Hilfe angeboten, als Elternräte mit dieser Bitte auf uns zukamen», sagt Marketingchef Martin Koncilja. Bisher hat Interdiscount die Hälfte der Westen abgegeben, der Rest wird im kommenden Jahr verteilt. Danach werde entschieden, ob die Aktion wiederholt wird. Die Kritik kann Koncilja nicht nachvollziehen. Seit Jahren würde der TCS ähnliche Leuchtwesten verteilen. Man dürfe keinen Unterschied machen, wer die Westen produziert, sagt er. Der Lehrerverband ist dennoch dagegen: «Wir müssen das schnell unterbinden, sonst gibt es Nachahmer», hiess es, als die Verteilaktion startete.

Nur wenige unterschreiben Kodex
Schon einmal versuchte der Schweizer Lehrerverband, das Sponsoring-Problem anzugehen. Im vergangenen Winter stellten die Lehrer einen 52-seitigen Leitfaden vor. Dieser zeigt anhand von Fallbeispielen den richtigen Umgang mit Sponsoring auf. Im Leitfaden finden sich Themen wie Sachspenden, kostenlose Smartphones, Werbung oder Eventtage. Kernstück der damaligen Intervention der Lehrer war ein Verhaltenskodex, nach dem sich Unternehmen zu richten haben. Zu den Erstunterzeichnern zählten neben der Post und Swisscom auch Samsung und Microsoft. Mittlerweile sind weitere hinzugekommen.

Weil der Kodex allerdings freiwillig ist und bis heute nur wenige Kantone – darunter St. Gallen und Basel-Stadt – offizielle Richtlinien erlassen haben, doppeln die Verbände nun mit dem neuen Manifest nach. «Wenn Lehrer aus den deutschsprachigen Ländern gemeinsam eine Erklärung verfassen hat das grosses Gewicht», sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung Deutschland. Sponsoring an Schulen mache nicht an den Landesgrenzen halt, deshalb sei es wichtig, geeint aufzutreten, um den Trend einzudämmen. Mit der Hamburger Erklärung sei nun der Anfang gemacht.

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