Landesausstellung 2027: Kostendach ist eine Milliarde

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Vereinspräsident und Initiant der ersten Stunde Kurt Schmid (Mitte), Vizepräsident und Nationalrat Thierry Burkart (rechts) sowie Marco Canonica, Konzeptbeauftragter und Vorstandsmitglied von «Svizra27». SANDRA ARDIZZONE

Eine Landesausstellung im Aargau oder gar in der ganzen Nordwestschweiz? Mit dieser Idee machte der Aargauer Gewerbeverbandspräsident Kurt Schmid vor drei Jahren Furore. Sie schien aber auf Sand gebaut. Denn Bundesrat und Kantone hatten sich bereits für ein Ostschweizer Projekt entschieden. Ein «Njet» des Souveräns in den Kantonen St.Gallen und Thurgau veränderte die Ausgangslage indessen total. Seither steht das Aargauer Projekt, das mehr und mehr zu einem Nordwestschweizer Projekt wird, zuvorderst in den Startlöchern.

Im Februar haben die Aargauer Verfechter in Windisch ein Komitee gegründet, um die Sache weiter voranzutreiben. Seither hörte man kaum noch etwas von ihnen. Gibt es sie noch? «Keine Frage, wir sind sogar sehr intensiv an der Arbeit, bisher aber vorab hinter den Kulissen», sagt Kurt Schmid, Präsident des Vereins «Svizra27», und lacht. Die Zahl «27» steht für 26 Kantone plus den Bund, aber auch für das Jahr, in dem die nächste Landesausstellung stattfinden könnte. Der Verein hat ein Grundkonzept ausarbeiten lassen, das seit dem Sommer vorliegt. Es decke genau die Vorstellungen des Leitmotivs «Mensch – Arbeit – Zusammenhalt» ab, sagt Schmid.

Was sagt «Bern»?
Der Bundesrat hat die Eckwerte für eine Landesausstellung aufgrund einer Anfrage der Nationalräte Sylvia Flückiger und Thierry Burkart bereits abgesteckt. An der Expo in der Ostschweiz hätte er sich maximal zu 50 Prozent beziehungsweise höchstens mit einer Milliarde Franken beteiligen wollen, erinnert Burkart. Wie es bei einer nächsten Ausstellung wäre, werde «Bern» erst entscheiden, wenn ein Projekt vorliegt. Für die Aargauer Initianten steht aber eines bereits fest, so Schmid und «Svizra27»-Vizepräsident Burkart: «Wir wollen keinen Gigantismus und keinesfalls aus dem Ruder laufende Kosten. Unsere Landesausstellung soll maximal eine Milliarde Franken kosten.»

Es geht um das ganze Leben
Soll es aber gemäss dem Leitmotiv eine Art überdimensionale Gewerbeausstellung geben? Thierry Burkart macht deutlich: «Die Landesausstellung soll keine überdimensionale Gewerbeausstellung werden, wie manche aufgrund erster Berichte befürchten. Zum einen gehört die Arbeit täglich 8 bis 12 Stunden zu unserem Leben. Zudem verändert sich die Arbeitswelt rasend schnell. Und wir leben in einem sehr dynamischen Wirtschaftsraum. Unser Grundkonzept umfasst im Grunde genommen unser ganzes Leben. Wir haben fünf sogenannte Erlebnis-Satelliten definiert. Je einen zu den Themen Unternehmen, Energie, Daten, Menschen und Mobilität.»

«Lauter hochaktuelle Themen»
Und wie konkret ist das bereits? Zum Thema «Menschen» zum Beispiel sehen die Initianten laut Thierry Burkart folgende Teilthemen vor: Fachkräftemangel, Freiwilligenarbeit, Social Media, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, soziale Sicherheit, Arbeitsmodelle. Die Inhalte können beliebig ergänzt werden. Burkart: «Das sind alles hochaktuelle Themen, die in den nächsten Jahren sogar noch an Bedeutung gewinnen werden. Ich bin sicher, dass dannzumal unter der Rubrik ‹Digitalisierung› Dinge vorgestellt und diskutiert werden, die wir heute noch gar nicht kennen.»

Wie sieht so ein Satellit aus? Ist er vergleichbar mit einer Arteplage an der Expo.02? Kurt Schmid bremst. Man setze in der jetzigen Phase ganz bewusst noch nicht auf konkrete Projekte. Die Teilbereiche müssten stufenweise entwickelt werden. Bei der Expo.02 seien auf einen frü- hen öffentlichen Aufruf 2000 Vorschläge eingegangen, von denen dann nur wenige von Profi-Büros umgesetzt wurden. Das habe damals zahllose Enttäuschungen ausgelöst.

Vorstand hofft auch auf den Jura
Schmid: «Für so einen Aufruf ist es zu früh. Wir wollen in der jetzigen Phase, in der wir ganz bewusst ohne Steuergelder auskommen, erst herausfinden, ob wir eine genug tragfähige Basis für eine Landesausstellung in der Nordwestschweiz haben, die idealerweise nebst dem Aargau die beiden Basel, Solothurn und vielleicht auch den Jura umfassen sollte. Damit könnten wir zwei Sprachregionen direkt einbeziehen.»

Derzeit stellen die Initianten ihr Projekt bei schweizerischen und den kantonalen Wirtschaftsverbänden der Nordwestschweiz vor. Ziel sei, so Schmid, «herauszufinden, ob die Bereitschaft zu ideellem, aber auch zu materiellem Engagement für eine Landesausstellung besteht. Die Rückmeldungen sind bisher rundum überaus positiv!»

Wäre es dann nicht an der Zeit, bei den Kantonsregierungen und beim Bundesrat zu sondieren, wie deren Bereitschaft ist? Erst wolle man die Bereitschaft der Wirtschaft kennen, betont Schmid. Dann will man sich den Regierungen der Kantone vorstellen.

Blick weit über den Aargau hinaus
Erst in einer nächsten Phase sollen Konzepte zu Finanzierung, Nachhaltigkeit und Infrastruktur erarbeitet werden. Dann will man auch möglichst viele Zielgruppen ins Boot nehmen, also Vertreter anderer Kantone, aus Arbeitnehmerorganisationen, Wissenschaft, Kultur, Verbänden usw. Schliesslich soll der Vorstand deutlich über den Aargau hinaus erweitert werden.

Und es soll eine Landesausstellung in der Nordwestschweiz für die ganze Schweiz werden. Dafür wollen die Initianten dann auch die Nordwestschweizer Regierungskonferenz und schliesslich die Konferenz der Kantonsregierungen gewinnen. Das ist deshalb sehr wichtig, weil der Bundesrat am Schluss seinen Entscheid vermutlich auf Empfehlungen dieser Regierungskonferenzen abstützen wird.

von Mathias Küng — az Aargauer Zeitung

NACH DEM FIASKO DER EXPO BODENSEE/OSTSCHWEIZ

Wollen die Menschen überhaupt eine Landesausstellung?

Will die Bevölkerung überhaupt eine Landesausstellung oder hat sich die Idee überlebt? Jüngst sind ja nebst der Ostschweizer Expo auch andere Grossprojekte an der Urne gescheitert. Der Vorstand habe die Gründe für das Scheitern in der Ostschweiz analysiert, sagt der Konzeptbeauftragte der «Svizra27», Marco Canonica. Die Menschen hätten vermutlich zu wenig gewusst, was auf sie zukomme, und vielleicht auch befürchtet, es könnte ihnen über den Kopf wachsen. Dem will man in der Nordwestschweiz mit einer klaren finanziellen Selbstbeschränkung, mit AuW genmass und mit sorgfältigem Ressourceneinsatz entgegenwirken. So sollen – wo nötig – Bauten entstehen, die man an Ort oder anderswo wieder nutzen kann. Wie die Expo64- Pavillons nachher an der Olma. Kurt Schmid ist fest überzeugt, dass jede Generation ein Anrecht auf eine Landesausstellung hat: «Ziel soll eine identitätsstiftende Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt im weitesten Sinne sein. Ausserdem wollen wir so die landesweite Zusammengehörigkeit in der Willensnation Schweiz stärken.» Eine Expo sei die richtige Möglichkeit, sich gemeinsam mit neuen Themen und Herausforderungen auseinanderzusetzen. Und zwar nicht bloss am heimischen Computer, sondern wie früher miteinander auf dem Markt- und Werkplatz einer nationalen Landesausstellung: «Ich war mehrfach an der Dreiseen-Expo. Ich war überwältigt von deren Vielfalt und Möglichkeiten zum Austausch über die Sprachgrenzen hinweg.» Viele Menschen erzählen heute noch von Expo64 und Expo.02. Schmid: «Das zeigt mir, dass die Menschen gern hingehen und sich ein Leben lang daran erinnern. Nicht umsonst zählte die Expo.02 über zehn Millionen Besucherinnen und Besucher!» (MKU)

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